Nation-Branding: Von Jan van Kessel bis Andy Warhol

Die Kolonialstaaten schafften es in der frühen Neuzeit mit Schiffen bis Amerika und zum West-Pazifik, erbeuteten Gold in Südamerika, Keramik aus China, Gewürze und Seide aus Indien. Künstler wie Jan van Kessel malten stolz die erbeuteten Waren aus den Kolonien. Damit demonstrierten die Staaten ihre Macht.
Ein Essay über das Nation Branding vom Barock bis ins Zeitalter der Pop-Kultur.

Das 17. Jahrhundert in den Niederlanden: Ein „goldenes Zeitalter“

Die Kunstwissenschaft bezeichnet die Zeit in der auch Jan van Kessels Bilder entstanden als das „Goldene Zeitalter“ in der Niederländischen Kunst. Im 17. Jahrhundert, der kulturellen Blütezeit dieses Landes, arbeiteten um 1650 etwa 700 Maler, die jährlich etwa 70.000 Gemälde malten. In den rund hundert Jahren dieses „Niederland-Hypes“ entstanden mehrere Millionen Gemälde. Eine besondere Rolle spielte im 17. Jahrhundert die Stadt Antwerpen, reich geworden durch Handel mit aller Welt in der Zeit des Frühkolonialismus.
Hier verkehrte der Maler Jan van Kessel in den höchsten Kreisen und erzielte mit seinen spektakulären Bildern hohe Preise, weit höhere als etwa Rembrandt. Sein Bilderzyklus „Die vier Erdteile“ entstand in den Jahren zwischen 1664 und 1666. Auf diesen vier Bildern stellt dieser Meister der Niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts die Kontinente Amerika, Europa, Afrika und Asien durch eine Vielzahl an prunkvollen kunsthandwerklichen Gegenständen, etwa goldene Pokale aber auch gewöhnlichen Gegenständen des Alltags dar. Sehr realistisch waren die Darstellungen oft nicht. Das Nashorn auf dem Gemälde Kessels, das typisch für Afrika sein soll, sieht aus, wie jenes von Albrecht Dürer aus dem Jahr 1515. So biologisch wenig realistisch die Tier- und Pflanzenwelt abgebildet wird, so „kreativ“ auch die Darstellung der Sitten und Gebräuche Afrikas, etwa das afrikanische Kleinkind, das Pfeife raucht.



Das Gemälde, das den Kontinent „Europa“ darstellt, zeigt die mythische Europa, prunkvoll bekleidet mit einem goldgelben Brokatkleid. Dahinter die Engelsburg, eine Reminiszenz auf Rom als religiöses Zentrum Europas. Insektenstudien, Blumenstillleben, ein Jeu du Paume-Schläger - (eine Art Tennisschläger) - ein Tric-Trac-Spiel - (die französische Variante von Backgammon), all das locker arrangiert in einer Objektstaffage. (Vgl. Robert Bauernfeind. Die Ordnung der Dinge durch die Malerei. Jan van Kessels Münchner Erdteile-Zyklus. (Diss.) Universität Augsburg 2015.) Tennisschläger und Tric-Trac befinden sich nicht zufällig im Bild. Mit ihrem Bezug auf die Antike lässt sich die Geisteshaltung der Renaissance geradezu mit dem Spiel identifizieren, wie das Huizinga festgestellt hat. Im antiken Griechenland galt jemand nur dann als weise, wenn er eine ernstheitere Persönlichkeit besaß. Das Ernstheitere: Ein Oxymoron, eine rhetorische Figur, die Gegensätze vereint. (Vgl. Johan Huizinga. Homo Ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel. 22. Auflage, Reinbeck/Hamburg, 2011, 196.)
Die Fokussierung auf Produkte, auf Pflanzen und Tiere bestimmter Regionen der Welt, dieser Blick auf wertvolle oder weniger wertvolle Produkte, sowie auf Sitten und Gebräuche, „verdankt“ sich dem Kolonialismus jener Zeit, als die Seefahrer mit brachialer Gewalt die kulturellen Schätze in Südamerika, Afrika und Asien plünderten und mit reicher Beute heimkehrten.
Der enorme Reichtum, der europäischen Handelstreibenden in den Niederlanden kam der Kunst und den Künstlern aber auch Künstlerinnen wie Rachel Ruysch zugute.
Ruysch wirkte in Amsterdam und war bekannt für ihre minutiös ausgeführten Stillleben, in denen sie neben prachtvollen Blumenarrangements auch Insekten, biologisch korrekt – heute würde man sagen „fotorealistisch“ - darstellt. Detailkenntnisse hatte sie durch ihren Vater erworben, dem renommierten Botaniker Frederik Ruysch. Rachel Ruysch konnte sich neben den Malerfürsten ihres Landes etablieren, erzielte mit ihren Bildern Höchstpreise, hatte überdies zehn Kinder und erlangte ein für diese Zeit geradezu biblisches Alter, das sie auch gerne selbstbewusst neben den Bildsignaturen notierte. Sie starb 1750 mit sechsundachtzig Jahren.


Das goldene Zeitalter von Pop und Rock: Die 1960er- und 1970er-Jahre


Den Niederlanden gelang es im 17. Jahrhundert durch die Bilderwelt der Pflanzen, der Fauna, der kulturellen Produkte in Millionen von Bildern, die heute in den Museen aller Welt hängen, ihre politische und wirtschaftliche Macht zu zeigen.
Das gleiche Muster lässt sich in den USA erkennen, die in der Kunst in den 1950er- und in den frühen 1960er-Jahren noch keineswegs jenen Status besaßen wie heute. Henry Miller beschreibt in seiner Trilogie „Sexus“, Nexus“, „Plexus“, dieses Lebensgefühl der Intellektuellen aus dieser Zeit sehr genau. Europa war mit seinen Kunstmetropolen führend, insbesondere Paris. Alle Intellektuellen sehnten sich nach einem Trip dorthin. Mit Andy Warhols Obsession auf das amerikanische Produkt sollte sich das bald ändern.

Wer sich die Gemälde, Objekte, Projektskizzen und Montagen der Künstler von Warhol bis Oldenburg ansieht, der wird nicht nur Witz, Provokation, Irritation, Chaos und Gesellschaftskritik entdecken, sondern in Summe ein Mega-Projekt im Dienste des Nation Branding.
Das Publikum mag über den Küchen-Mixer, den Elektrostecker aus weichem Material von Oldenburg, über Banalitäten, die Warhol in serigraphischen Siebdrucken Zeit seines Lebens höchst lukrativ verewigt hat schmunzeln. Ignorieren lässt sich die Präsenz des Alltags und der Gegenstände einer Nation nicht. Die gesamte Kunst der Pop-Art von den 1960er Jahren bis zu Jeff Koons heute lässt sich zu einem großen Bild addieren. Sämtliche auf dem Kunstmarkt aufgewerteten Banalitäten, der Kitsch, die in Szene gesetzten Automarken oder Suppendosen ergeben in Summe ein starkes Label. Es ist eine Nation, das geprägt wird durch Design, Marken wie Lewis, Coca Cola und Comic-Ikonen. Wer sichtbar ist, der definiert die Leitkultur.
Andy Warhol war zwar alles andere als ein konservativer Patriot. Dennoch hat er den Blick auf Amerika nachhaltig geprägt. Die USA erscheinen bei ihm als große Pop-Nation, bestehend aus industriell gefertigten Produkten, seien es Schuhe oder Suppendosen. Legendär auch seine Siebdrucke von Hollywoodstars wie Marilyn Monroe. Über mehrere Jahrzehnte hinweg schufen er und seine Assistenten einen riesigen Bilderfundus, der geprägt wird durch den Blick des erfolgreichen Werbegrafikers Warhol. Erstaunlich wahllos scheint er seine Sujets zu wählen. Alles durchdringt ein American Way of Life des grenzenlosen Konsums und der Kommerzialisierung.
Eine wichtige Rolle spielte im Kontext des Nation Branding auch die Cover-Art der Rockmusik. Die herausragenden und legendären Cover geben der Musik eine spezifische Drift, man denke nur an die Alben von Pink Floyd oder an die Cover-Art von Cal Schenkel für Frank Zappa. Geschichte geschrieben haben auch die Cover der Studioalben der Beatles und von Santana. Legendär das Bananencover von Andy Warhol für Velvet Underground und das Sticky-Finger-Cover für die Rolling Stones mit einem echten Reißverschluss am Foto der Jeans von Mick Jagger.

Das große Thema: Für Nostalgie ist kein Platz. Die Zukunft gehört den Produkten einer Nation

Zu den großen Themen unserer Zeit gehört die Frage, wie sich Staaten im Zeitalter der Globalisierung spezifisch, vor der riesigen internationalen Bild-Konkurrenz, visuell in Erscheinung bringen können.
Sichtbarkeit war immer schon ein Kriterium der Macht. Die Künstler und Künstlerinnen waren zu allen Zeiten gerne bereit den Mächtigen und Wohlhabenden ein Forum zu bieten. Es ist kein Zufall, dass sich große Museen, Nationaltheater und Staatsopern stets in unmittelbarer Nähe des politischen Zentrums einer Metropole befinden und nicht am Stadtrand.
Ohne Sichtbarkeit der für einen Staat typischen Produkten wird ein Staat nicht von einer globalen Öffentlichkeit wahrgenommen. André Glucksmann betonte in einem Interview mit dem SPIEGEL die Wichtigkeit eines souveränen gemeinsamen Auftritts der Nationen Europas, verstanden als ein Land. Glucksmann entwirft hier ein Modell, das die Staaten der Welt in eine globale Hierarchie bringt. Die Bedeutung ihres Welt-Auftritts bestimmen die Kontinente dadurch, dass sie sich stärker um die Gegenwart bemühen und damit als aktuelle Akteure agieren oder dass sie sich primär einer Vergangenheit widmen, von der sie meinen, sie sei wichtiger als die Gegenwart: „Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der großen Kontinente sein, die miteinander auskommen oder auch nicht. Wenn Europa nicht in diese Dimension eintritt, wird es in das 19. Jahrhundert zurückfallen. Dann orientieren wir unser politisches Handeln nur noch an entfernten Erinnerungen: Europa, der Kontinent des Kummers und der Nostalgie.“ (André, Glucksmann im Interview mit SPIEGEL-Journalist Romain Leick. „Kontinent des Kummers.“ In: DER SPIEGEL 34/2012, 124-127, hier 127.) 2024, zwölf Jahre nach diesem Interview mit diesem Philosophen, verbucht China Exporte im Wert von 3,6 Billionen Dollar – ein Weltrekord. Hier wird eine bloße Produktionsmasse zum Nation Branding.

Fotos: Gottfried Kinsky-Weinfurter



Kommentar veröffentlichen