„Gespräche mit dem Himmel“ – Einblicke in die Welt der chinesischen Oper

 Die Geschichte der chinesischen Oper, eine der ältesten Kunstformen der Welt, wird 2025 in Wien lebendig. Mit einer 2800 Jahre alten Tradition bietet diese Kunstform eine facettenreiche Verbindung von Musik, Poesie, Theater und Tanz.

Madge Gill Bukasa

Begegnungen aus jahrtausendealter chinesischer Geschichte in Wien

Am 23. Januar 2025 eröffnete das International Culture Cooperations (ICC) im Konfuzius-Institut der Universität Wien die Veranstaltungsreihe „Erlebnis - Chinesische Oper in Österreich“ mit einem Vortrag von Prof. Guo Xiaonan zum Thema „Geist, Magie und Charakteristik chinesischer Theaterkunst“. Der renommierte chinesische Theaterregisseur und Künstler präsentierte die chinesische Oper als „ein komplexes System, das die Vorstellungskraft der Zuschauer:innen herausfordert". 

In seinem Vortrag beleuchtete Prof. Xiaonan die Entwicklung dieser Kunstform, die über Jahrtausende hinweg entscheidende Epochen wie die Han-, Song-, Ming- und Qing-Dynastie durchlief. Traditionelle Figuren, wie beispielsweise schifffahrende Händler oder Bauern bei der Feldarbeit, werden durch die Gestik, Mimik sowie die Bewegungs- und Darstellungsformen der Schauspielerinnen und Schauspieler lebendig. Dabei erwecken die Darsteller:innen oft Szenarien zum Leben, die durch das Bühnenbild nicht explizit dargestellt werden – etwa ein Schiff, das zwar zentral für die Handlung ist, jedoch auf der Bühne unsichtbar bleibt. Manche dieser Darstellungsformen sind über 1000 Jahre alt.

Foto: Prof. Xiaonan

Die chinesische Oper war stets in der Volkskultur verankert und nicht ausschließlich auf den kaiserlichen Hof beschränkt. Trotz großer regionaler Unterschiede – etwa in den Gesangsstilen – entwickelten sich einheitliche Rollenverteilungen, die auch die soziale Schicht der Figuren widerspiegeln. Der alte Mann steht beispielsweise für einen positiven, gutmütigen Menschen, der loyal gegenüber dem Herrscher und dem Staat ist. Die junge Dame hat im Gegensatz zum jungen Mädchen bereits Schulbildung und viel Anweisungen von der Familie erfahren. Man erkennt ihre Rolle nicht nur am prunkvolleren Kostüm, sondern auch an den eleganten Bewegungen, in denen sie viel Höflichkeit ausdrückt. Dabei ist zu erwähnen, dass es Frauen in manchen Dynastien untersagt war, auf der Bühne aufzutreten, was zu tragischen Schicksalen, wie Selbstmorden von Schauspielerinnen führte.
Prof. Xiaonan hob hervor, dass die chinesische Oper in verschiedenen Zeiten kulturelle Einflüssen wie Buddhismus und Taoismus integrierte, ohne dass die Religionen dabei herrschende Elemente wurden: „Es gab keine Aufklärung wie im Westen, daher auch keine kritische Betrachtungsweise gegenüber religiösen Inhalten. Atheismus und Religion existieren in der chinesischen Oper nebeneinander“. 


Religiöse Themen aufzugreifen war auch nicht zwingend. Meist finden sich Motive aus der Volkskunde, die menschliche Gefühle, Freiheit und andere weltliche Themen behandeln. „Stücke mit religiösen Inhalten vermitteln oft die Idee, dass gute Taten Unsterblichkeit bringen“, erläuterte Xiaonan. Ein „Gespräch mit dem Himmel“ wird jedoch nicht als rein religiöser Akt im westlichen Sinne verstanden, da die Perspektive menschlich bleibt – vergleichbar mit einem Priester, der Gottesbotschaften erhält.
Im Lauf der Entwicklung der chinesischen Oper entstanden Mischformen, die schließlich zur modernen chinesischen Oper führten.
Heute existieren in China über 25.000 Operngruppen und 348 Operngenres, die von regionalen Besonderheiten geprägt sind. Zu den bekanntesten Varianten zählen die Peking-Oper mit kunstvoller Maskenmalerei, die sanfte Kunqu-Oper und die spektakuläre Sichuan-Oper mit Effekten wie dem „Gesichtswechseln“ und der Feuerkunst.



Pressekonferenz zum Auftakt „The Legend of the Chinese Opera“

Ernst Woller, Landtagspräsident Wiens und Ehrenpräsident des ICC (International Culture Cooperations), hob bei der begleitenden Pressekonferenz die enge Zusammenarbeit zwischen China und Österreich hervor, die seit über 50 Jahren nicht nur diplomatisch und wirtschaftlich, sondern vor allem kulturell intensiv gepflegt wird. Der Landtagspräsident beschrieb das bevorstehende Festival von acht chinesischen Opernproduktionen im Wiener MuTh als „ein herausragendes und singuläres Erlebnis“. 

Foto: Ernst Woller, Landtagspräsident Wiens und Ehrenpräsident des ICC


Die Festival-Verantwortlichen vom ICC, die an ihn herangetreten waren, hatten das Ziel, chinesische Operntradition in den Westen zu bringen – und Wien, als eine Weltstadt der Musik, schien dafür der ideale Ort. Die ursprüngliche Idee, ein eigenes chinesisches Opernhaus in Wien zu bauen, um die chinesische Oper in einem neuen Opernhaus aufzuführen, wurde fallen gelassen, um stattdessen eines der Vorhandenen zu nutzen. „Wir haben so viele Opern- und Konzerthäuser in unserer Stadt, es war nicht notwendig ein neues Opernhaus zu bauen. Das MuTh, der Konzertsaal der Wiener Sängerknaben im Wiener Augarten, bietet die perfekte Bühne für dieses kulturelle Ereignis“, betonte Woller. Das MuTh ist der modernste Konzertsaal Wiens mit rund 350 Sitzplätzen und einer überragenden Akustik. Die Wiener Sängerknaben genießen zudem in China große Popularität, was die Wahl des MuTh als Veranstaltungsort zusätzlich unterstreicht.

Das ICC Festival wird von bedeutenden Institutionen wie dem Österreichischen Journalistenclub (ÖJC), der China Opera Research Society (CORS) und dem Art Development Center des chinesischen Kulturministeriums unterstützt. Neben Wien werden Aufführungen in Deutschland (Theater für Niedersachsen), Italien (Teatro di Casalmaggiore und Teatro Filo), Ungarn (Debreceni Csokonai Szinhaz) und Kroatien präsentiert, um die Vielfalt der chinesischen Oper in Europa zu verbreiten.

Die China-Opern-Saison 2025 umfasst 52 Veranstaltungen, die Tradition, Musik, Gesang, Poesie, Kostüme, Masken, Martial Arts, Tanz und Akrobatik vereinen. Sie zeigt, wie die Oper nicht nur als Brücke zwischen den Kulturen, sondern auch als Brücke zwischen Geschichte und Moderne und fungiert.

Im Februar und März finden in Wien zwei weitere Informationsveranstaltungen zur chinesischen Oper statt, mit den Schwerpunkte Musik und Kostüme.
Von April bis November 2025 erwarten die Besucher:innen im MuTh acht Opernaufführungen, darunter The Legend of the White Snake, The Butterfly Lovers und Wu Han’s Three Attempts to Kill.

Weitere Informationen und Tickets unter www.lotco.at.




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